Weitere Informationen

Eine universelle Herausforderung für die Menschenrechte 

Frauen- und Mädchenrechte sind unveräußerlich und unteilbar und ein integraler Bestandteil der Menschenrechte. Das bedeutet dennoch nicht, dass sie heilig oder gesichert wären. Im Gegenteil, Gewalt gegen Frauen ist ein Problem von ungeheurem Ausmaß. Vor allem Mädchen laufen viel häufiger Gefahr als Männer, in ihren Grundrechten verletzt zu werden.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist ein großes Problem in Bezug auf Gesundheit und Menschenrechte. Mindestens jede fünfte weibliche Person auf der Welt wurde irgendwann in ihrem Leben von einem oder mehreren Männern körperlich oder sexuell misshandelt. Viele, darunter auch schwangere Frauen und junge Mädchen, sind schweren, fortwährenden oder wiederholten Angriffen ausgesetzt.

Weltweit ist Gewalt gegen Frauen als Ursache von Tod oder Unfruchtbarkeit von Frauen im gebärfähigen Alter schätzungsweise ebenso häufig wie Krebs und sie ist eine häufigere Krankheitsursache als Verkehrsunfälle und Malaria zusammen. Gewalt gegen Mädchen ist ein globales Problem und kennt keine Grenzen. Der Frauenhandel etwa ist dafür ein augenfälliges Beispiel. „Es gibt kein einziges Land auf der Welt, in dem Frauen keine Gewalt angetan wird. Es gibt keinen einzigen Bereich im Leben einer Frau, in dem sie keiner Bedrohung oder tatsächlicher Gewalt ausgesetzt ist. Gewalt gegen Frauen kennt keine geographischen Grenzen, keine Altersgrenzen, keine Klassenschranken, keine ethnischen oder kulturellen Unterschiede und sie manifestiert sich auf viele verschiedene Arten.“ [1]

Gewalt gegen Frauen ist eindeutig politisch, denn sie stellt ein großes Hindernis für die Gleichheit der Geschlechter dar und schreibt die Ungleichheit fort. [2] Politisch ist sie auch deshalb, weil sie eine schwere Bedrohung für die Demokratie bildet, da, wie es in einer Resolution des Europarats heißt, die „Ungleichheit und Disparitäten zwischen Frauen und Männern auf dem Gebiet der Menschenrechte mit den Prinzipien einer echten Demokratie nicht vereinbar sind“. [3]

Gewalt von jung bis alt

Gewalt gegen Frauen im Lauf ihres Lebens

PhaseArt der Gewalt
Vor der Geburt Geschlechterselektive Abtreibung; Schläge während der Schwangerschaft wirken sich auf die Geburtenzahlen aus
Säuglingsalter Kindstötung von Mädchen; körperliche, sexuelle und psychische Misshandlung
Kindheit Zwangsheirat; weibliche Genitalverstümmelung; körperliche, sexuelle und psychische Misshandlung; sexueller Missbrauch; Kinderprostitution und Pornographie
Jugend- und Erwachsenenalter Gewalt durch Partner oder Liebhaber (z.B. Säureanschläge und „Date Rape“); erzwungener Sex aus ökonomischen Gründen (z.B. Mädchen, die von sog. „Sugar Daddies“ missbraucht werden als Gegenleistung für Schulgeld); sexueller Missbrauch; Formen sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz; Vergewaltigung; sexuelle Belästigung, Zwangsprostitution und Pornographie; Frauenhandel; Gewalt durch den Ehemann; psychische Misshandlung; Misshandlung behinderter Frauen; erzwungene Schwangerschaft
Ältere Erzwungener „Selbstmord“ oder „Witwenmord“ aus ökonomischen Gründen; körperliche sexuelle und psychische Misshandlung
Quelle: Informationspaket Gewalt gegen Frauen – Weltgesundheitsorganisation 1997

Einige Zahlen, die das Ausmaß des Problems verdeutlichen

Die Zahlen über Gewalt gegen Frauen, besonders über häusliche Gewalt, sind erschreckend. Sie zeigen das Ausmaß und die Verbreitung des Problems ebenso wie seine relative Unsichtbarkeit. In Europa ist pro Tag jede fünfte Frau ein Opfer von Gewalt. Durch häusliche Gewalt werden jedes Jahr mehr Frauen durch Männer getötet oder schwer verletzt als durch Krebs oder Verkehrsunfälle. [4] Jedes Jahr sterben z.B. 14500 russische Frauen infolge häuslicher Gewalt. [5]

Eine von der European Women’s Lobby 1999 durchgeführte Untersuchung über häusliche Gewalt in der Europäischen Union benennt, dass jeder vierten Frau in der EU durch ihren engsten Partner Gewalt angetan wird. 95% aller Gewalttaten finden in der eigenen Wohnung statt. Eine Untersuchung in Finnland (1998) zeigte, dass 52% der erwachsenen Frauen über 15 Jahre Opfer von Gewalt oder körperlicher oder sexueller Bedrohung waren, 20% waren es allein im Jahr zuvor. Eine Untersuchung in Portugal (1997) ergab, dass 53,3% der Frauen, die in den Vororten großer Städte leben, 55,4% der Frauen, die in Städten leben, und 37,9% der Frauen, die auf dem Land leben, Opfer von Gewalt waren; 43% der Gewalttaten wurden innerhalb der Familie begangen (1998). Eine Untersuchung in Belgien (1998) ergab, dass 68% der Frauen Opfer körperlicher und/oder sexueller Gewalt waren. [6]

Häusliche Gewalt

Menschenrechte von Frauen werden nicht nur in Kriegszeiten verletzt, sondern zuallererst und vor allem zu Hause. „Der ,private‘ Charakter dieser Gewalt ist genau das, was das Eingreifen und Handeln immer schon schwer gemacht hat und immer noch schwer macht.“ [7]

Die Forschung zeigt durchweg, dass eine Frau mit höherer Wahrscheinlichkeit von einem derzeitigen oder früheren Partner verletzt, vergewaltigt oder getötet wird als von irgendjemand anderem. Häusliche Gewalt betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Kinder. Besonders häufig sind Mädchen und junge Frauen betroffen.

Ausstellung „Stumme Zeuginnen“

Diese Aktivität wurde durch eine Ausstellung über häusliche Gewalt und Frauenmorde inspiriert, die von der Frauenrechtsorganisation NANE (Budapest, Ungarn) im Europäischen Jugendzentrum Budapest gezeigt wurde, einschließlich der Geschichten von Eszter und Kati. Die Ausstellung sollte der Öffentlichkeit das Ausmaß und die Brutalität von häuslicher Gewalt und Frauenmorden bewusst machen, indem sie die Geschichten ermordeter Frauen, der „stummen Zeuginnen“, erzählte.

Die „Stummen Zeuginnen“ entstanden in Minnesota, USA, wo sie heute landesweit bekannt und Teil einer Bewegung sind, die den Frauenmorden bis 2010 ein Ende setzen will. Die Organisation einer „Stumme-Zeuginnen“-Ausstellung eignet sich gut, um das Thema häusliche Gewalt in Ihrer Gemeinde, Ihrer Stadt oder Ihrer Region zu thematisieren. Ein Buch mit dem Titel „Results“ erzählt von den ersten Jahren der Kampagne in den USA und enthält einige brauchbare Beispielgeschichten. Die Internetadresse ist www.silentwitness.net  Sie enthält auch eine lange Liste internationaler Kontakte, die bereits solche Ausstellungen haben.

Weitere Informationsquellen im Internet:

  • Die Website des Netzwerks Women Against Violence in Europe: www.wave-network.org
  • Die European Women’s Lobby: www.womenlobby.org, wo auch der Bericht „Unveiling the hidden data on domestic violence in the European Union“ angefordert werden kann.
  • Deutschsprachige Websites Deutschland: (für die Schweiz umfassende Linksammlung hier):
  • Die Weiße-Schleife-Kampagne ist „der größte Zusammenschluss von Männern gegen Männergewalt“: www.whiteribbon.ca
  • EuroPRO-Fem, das europäische pro-feministische Männernetzwerk, besteht aus Organisationen und Projekten von Männern gegen männliche Dominanz, Gewalt und Frauenunterdrückung: www.europrofem.org
  • www.dissens.de
  • www.4uman.info
  • Viele der Statistiken sind dem Seminarbericht „Violence against young women in Europe“ von Ingrid Ramberg, Europarat 2001, entnommen – erhältlich unter http://eycb.coe.int/eycbwwwroot/hre/eng/


Anmerkung:

Die Fälle von Kati und Eszter wurden dem Buch von Morvai Krisztina in Terror a családban – A feleségbántalmazás és a jog (Terror in der Familie – Gewalt gegen Frauen und das Gesetz) Kossuth Kiadó, Budapest 1998, entnommen.

 

Fussnoten

  1. Die European Women’s Lobby.
  2. Informationsblatt: „Violence against women. Action undertaken by the Council of Europe“. Division Equality between Women and Men, DG II, Europarat 2001.
  3. Resolution 1216 (2000) Anschlussaktion für die 4. Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen (Peking 1995), Parlamentarische Versammlung des Europarats.
  4. Empfehlung 1450 (2000) Gewalt gegen Frauen in Europa. Parlamentarische Versammlung des Europarats.
  5. Unicef-Bericht über Frauen in Transitionsländern, September 1999.
  6. Die European Women’s Lobby.
  7. Schluss mit häuslicher Gewalt; Aktionen und Maßnahmen. Verfahren vor dem Forum Bukarest (Rumänien), 26.–28. November 1998. Steuerungskomitee für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. (EG/BUC (99) 1) Europarat 2000, S. 13.