Anhaltende Diskussionen: Freiheit von Not

Der neue Fokus auf die menschliche Sicherheit wird häufig auf die Veröffentlichung einer Friedensagenda durch den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen Boutros Boutros-Ghali 1992 zurückgeführt. Dieses Dokument stützte die Annahme, dass die globale Sicherheit nicht nur militärisch bedroht wurde:

„Eine zerlöcherte Ozonschicht könnte für eine exponierte Bevölkerung eine größere Bedrohung darstellen als eine feindliche Armee. Dürre und Krankheiten vermögen eine Bevölkerung genauso gnadenlos zu dezimieren wie Kriegswaffen.“

Es wurde darauf hingewiesen, dass Umweltprobleme, Armut, Hunger und Unterdrückung nicht nur an und für sich sicherheitsrelevante Themen darstellen, sondern sowohl Ursachen als auch Folgen militärischer Konflikte sind.

Der Bericht über die menschliche Entwicklung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen von 1994 nahm diese Idee einer weiter gefassten Interpretation des Sicherheitsbegriffs auf und schlug vor, das Konzept „menschliche Sicherheit“ auf zwei Komponenten zurückzuführen:

  1. „Sicherheit vor plötzlichen und nachteiligen Störungen unseres alltäglichen Lebens“ (Freiheit von Furcht), und
  2. „Sicherheit vor der ständigen Bedrohung durch Hunger, Krankheiten, Verbrechen und Unterdrückung“ (Freiheit von Not).

Der Bericht differenzierte diese Konzepte noch weiter und nannte sieben Einzelkomponenten der menschlichen Sicherheit:

  • Wirtschaftliche Sicherheit (gesichertes Grundeinkommen)
  • Nahrungssicherheit (physischer und wirtschaftlicher Zugang zu Nahrung)
  • Gesundheitliche Sicherheit (relative Freiheit von Krankheiten und Infektionen)
  • Ökologische Sicherheit (Zugang zu sauberem Wasser, sauberer Luft und intaktem Boden)
  • Persönliche Sicherheit (Sicherheit vor körperlicher Gewalt und Bedrohung)
  • Gemeinschaftliche Sicherheit (Sicherheit der kulturellen Identität)
  • Politische Sicherheit (Schutz der Grundrechte und Grundfreiheiten)

Dieses sehr weit gefasste Konzept zu menschlicher Sicherheit wurde jedoch von vielen kritisiert, die der Auffassung sind, dass, je mehr Komponenten hinzukommen, das Konzept als politisches Instrument desto weniger Wirkung zeigt. Eines der Gründungsmitglieder der internationalen „Human Security Partnership“ des kanadischen Ministeriums für Außenpolitik und Internationalen Handel (DFAIT) schlägt eine viel enger gefasste Definition vor: „Menschliche Sicherheit bedeutet Sicherheit vor gewaltsamen und gewaltfreien Bedrohungen. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch Freiheit von einschneidenden Bedrohungen der Rechte, der Sicherheit oder sogar des Lebens von Menschen. Der Lackmustest für die Entscheidung, ob es sinnvoll ist, ein Thema im Bereich der menschlichen Sicherheit anzusiedeln, ist der Grad, in dem die Sicherheit von Menschen gefährdet ist.“

Welche Vor- und Nachteile hat die Ausweitung des Konzepts der Sicherheit auf die Freiheit von Furcht und Not?