Ist Gewalt etwas Natürliches?

Viele Menschen sind überzeugt, dass der Mensch von Natur aus gewalttätig sei und dass aus diesem Grund Kriege, Konflikte und allgemeine Gewalt in unserem Leben und unserer Gesellschaft unvermeidlich seien. Entgegengesetzt dazu behaupten Expert/innen auf diesem Gebiet, wir könnten gewaltsames Denken, Fühlen und Handeln vermeiden. Bestätigt wird dies durch die Erklärung von Sevilla zur Gewalt, die 1986 von einer Gruppe Student/innen und Wissenschaftler/innen aus vielen Ländern von Nord und Süd, Ost und West ausgearbeitet wurde: 

  1. „Wissenschaftlich nicht haltbar ist die Annahme, der Mensch habe das Kriegführen von seinen tierischen Vorfahren ererbt. ... Kriegführung ist ein spezifisch menschliches Phänomen, das sich bei anderen Lebewesen nicht findet. ...
  2. Es gibt sowohl Kulturen, in denen über Jahrhunderte keine Kriege geführt wurden, als auch solche, die zu bestimmten Zeiten regelmäßig Kriege geführt haben, zu anderen wieder nicht. ...
  3. Wissenschaftlich nicht haltbar ist die Annahme, Krieg oder anderes gewalttätiges Verhalten sei beim Menschen genetisch vorprogrammiert. ...
  4. Wissenschaftlich nicht haltbar ist die Annahme, das menschliche Gehirn sei ,gewalttätig‘. ... Unser Verhalten ist geformt durch die Erfahrung in unserer Umwelt und im Verlauf unserer Sozialisation.“

Die meisten Menschen sind darauf konditioniert, aggressiv oder gewalttätig auf die Umgebung zu reagieren. Es wird frühzeitig gelernt, aggressiv und manchmal gewalttätig zu denken, zu fühlen und zu handeln. Wo auch immer wir leben, sind wir einem sozialen und kulturellen Druck ausgesetzt, der uns zwingt, fast ständig über Gewalt zu lesen, Gewalt zu sehen und von Gewalt zu hören. Fernsehprogramme, Werbung, Zeitungen, Videospiele und die Film- und Musikindustrie tragen zu dieser Situation in erheblichem Maße bei. Noch vor Erreichen der Pubertät ist ein Kind allein durchs Fernsehen bereits Zeuge mehrerer tausend Morde und Gewaltakte geworden. Unsere modernen Gesellschaften sind, ob bewusst oder unbewusst, eine Apologie der Gewalt. Gewalt wird ein positiver Wert beigemessen. In den meisten Kulturen gilt ein Nein zur Gewalt und die Vermeidung körperlicher Gewalt oder Konfrontation als Zeichen von Schwäche. Besonders bei Männern, die von klein auf durch Gleichaltrige stark unter Druck gesetzt werden.

Stimmen Sie der Aussage zu, dass es für Gewalt keine Rechtfertigung gibt, nicht einmal, wenn sie gegen die gewalttätigsten Menschen angewandt wird?

Mobbing ist eine Form der interpersonalen Gewalt unter Jugendlichen und Erwachsenen. Es ist ein Beispiel dafür, wie Gewalt als Mittel benutzt wird, um durch die Schädigung anderer selbst das Gefühl von Macht zu erlangen. In einer 2001 durchgeführten Umfrage gaben fast die Hälfte der befragten spanischen Oberschüler/innen zu, dass sie von Mitschüler/innen wussten, die von anderen Mitschüler/innen eingeschüchtert werden.

Neben dem Mobbing gibt es noch viele andere Formen interpersonaler Gewalt: alkohol- und drogenbedingte Gewalt, Bandengewalt, Zwangsprostitution, Sklaverei, Gewalt an Schulen und rassistische Gewalt – all dies sind Ausdrucksformen interpersonaler Gewalt, von denen unser Leben oder das von vielen anderen beeinträchtigt wird. Einige dieser Gewaltformen wirken sich besonders auf Jugendliche aus – z.B. Bandengewalt, Schülergewalt, rassistische und sexistische Gewalt.

Finden Sie auch, dass ein „richtiger Mann“ vor Gewalt nicht zurückschrecken sollte?

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Frauen ist in unseren Gesellschaften weit verbreitet und wird hauptsächlich von Jungen und Männern ausgeübt. Zunehmend wird auch sexualisierte Gewalt an Jungen bekannt. Im Gegensatz zu verbreiteten Annahmen finden die meisten Fälle zu Hause oder in privaten Räumen und nicht auf der Straße statt. Die Täter sind den Opfern sehr häufig bekannt, es sind meist Familienmitglieder, die das ihnen entgegengebrachte Vertrauen missbrauchen. Viele Opfer zeigen die Tat nie oder erst nach vielen Jahren an. Dafür gibt es viele sehr komplexe Gründe, die je nach Situation mit der Person des Täters, der Art (Dauer und Häufigkeit) des Missbrauchs, der Persönlichkeit des Opfers usw. zu tun haben können. Es ist auch möglich, dass die Opfer zu jung sind oder niemanden haben, dem sie vertrauen können, oder dass sie – was Kindern häufig passiert – ihre Geschichte jemandem erzählen, der oder die ihnen nicht glaubt; dass sie sich zu sehr schämen, sich schuldig und getäuscht fühlen; dass sie vom Täter bedroht und manipuliert werden.*

* Die Redaktion hat relevante Informationen für den deutschsprachigen Kontext in dieser Ausgabe ergänzend aufgenommen und diese Abschnitte mit einem Stern (*) markiert.