Gesetzliche Rahmenbedingungen

Die Vielfalt innerhalb Europas wird besonders häufig als religiöse Vielfalt sichtbar. Die Mehrheit der Europäer/innen sind Christ/innen, selbst wenn sie ihre Religion nicht praktizieren, aber hinter dieser Mehrheit verbirgt sich eine große Vielfalt. Durch Europa ging ein tiefer Riss, verursacht durch Kriege zwischen Katholiken und Protestanten, und davor waren es Kriege zwischen Katholiken und östlich-orthodoxen Christen. Innerhalb jeder Konfession gibt es viele Richtungen, deren Unterschiede für Laien oft nicht wahrnehmbar, für die Gläubigen jedoch entscheidend sind.

Obwohl es in Europa überall christliche Minderheiten gibt, wurden sie in der Vergangenheit (in manchen Ländern bis heute) diskriminiert [Bemerkung]. Ihre Religion oder Kirche ist nicht „anerkannt“, hat nicht denselben Status, nicht die gleichen Rechte (z.B. im Bereich der Bildung) wie die „offizielle“ oder vorherrschende Kirche.

Unter anderem aufgrund des europäischen Integrationsprozesses und der Kooperation haben die Unterschiede zwischen den christlichen Konfessionen in der Sozialpolitik an Bedeutung verloren. Manche Intellektuelle und in der Politik Tätigen sind der Meinung, das Christentum sollte eine Basis der europäischen Identität sein – ein Vorstoß, der Millionen areligiöse bzw. atheistische Europäer/innen genauso ignoriert wie die Nichtchrist/innen.

Welche religiösen Minderheiten gibt es in Ihrer Stadt oder Gemeinschaft? Wo versammeln sie sich zum Gottesdienst?

Unter den nichtchristlichen Religionen ist das Judentum diejenige, die im Verlauf der Geschichte auf dem ganzen Kontinent am meisten diskriminiert wurde. Nach den Vertreibungen aus Spanien und Portugal im 15. Jhdt. wurden die Verbliebenen zwangskonvertiert oder mussten ihre Religion im Geheimen und unter großer Lebensgefahr praktizieren. Vorurteile und Missverständnisse über den jüdischen Glauben haben antisemitische Einstellungen geschürt. Sie wurden in der Vergangenheit benutzt, um Diskriminierung und Segregation der jüdischen Menschen zu rechtfertigen, und haben dazu beigetragen, dass der Holocaust in einigen überwiegend christlichen Gesellschaften passiv toleriert wurde.

Andere wichtige religiöse Minderheiten in Europa sind z.B. Hindus, Buddhisten, Baha’i, Rastafaris und Sikhs. Je nachdem, in welchem Land sie leben, geschieht Diskriminierung auf unterschiedliche Weise. In vielen Fällen geht die Diskriminierung aufgrund der Religion mit Rassismus einher.

Islamophobie
Unter den nichtchristlichen Religionen hat der Islam in Europa die meisten Anhänger/innen. In einigen Ländern und Regionen des Balkans und im Kaukasus ist er die Religion der Mehrheit. In Frankreich, Deutschland und vielen anderen westlichen wie östlichen Ländern sind Muslime die zweitgrößte Religionsgemeinschaft.

Das Rampenlicht, in dem sie seit den Angriffen vom 11. September 2001 in New York weltweit stehen, zeigt, wie fragil Gemeinschaftsbeziehungen und der Sinn für Respekt und Akzeptanz in Wirklichkeit sind. Im Westen lebende Muslime/as stellten überrascht fest, dass Menschen, die sie für Freund/innen gehalten hatten, Nachbar/innen und Mitbürger/innen, sich plötzlich abwandten, sie für die Angriffe auf das World Trade Centre verantwortlich machten und sogar Racheakte an unschuldigen Männern, Frauen und Kleinkindern verübten. Besonders besorgniserregend ist, dass in den USA und in Europa etliche muslimische Frauen, die das Kopftuch trugen, angegriffen wurden.

Welches Bild haben Sie vom Islam?

Islamophobie – wörtlich: die Angst vor dem Islam, vor Menschen muslimischem Glaubens und allem, was damit zusammenhängt – ist keine neue Erscheinung. Tatsächlich ist sie ein altes Vorurteil, das in jüngster Zeit wegen seiner verheerenden Wirkung auf Muslime/as ein Thema geworden ist, besonders dort, wo diese in der Minderheit sind.

Die Situation heute wird in den meisten europäischen Gesellschaften von starken, tief verwurzelten Ressentiments gegenüber dem Islam genährt. Besonders häufig sind die mangelnde offizielle Anerkennung als Religion, die Verweigerung der Erlaubnis zum Bau von Moscheen oder die Verweigerung von Einrichtungen oder von Unterstützung für muslimische Religionsgruppen oder Gemeinschaften.

Der Hauptgrund für die Islamophobie ist die Unkenntnis des Islam. Der Islam wird insbesondere seit 9/11 oft nur mit Terrorismus und Extremismus assoziiert, dabei predigt der Islam Toleranz, Solidarität und Nächstenliebe, genau wie viele andere Religionen auch.

Was kann in Ihrer Organisation oder Schule getan werden, um andere Religionen besser kennen und verstehen zu lernen?


Eines der häufigsten Vorurteile gegen den Islam ist seine angebliche „Unvereinbarkeit“ mit den Menschenrechten. Dieses Vorurteil erwächst aus der Realität einiger, zumeist arabischer, Länder, in denen sich die Mehrheit zum Islam bekennt. Als Beispiele für diese „Unvereinbarkeit“ werden die Abwesenheit von Demokratie und weit verbreitete Menschenrechtsverletzungen genannt. Das Vorurteil besteht darin, dass für diese Situation allein der Islam verantwortlich gemacht wird, während in Wirklichkeit die meisten der fraglichen Regime ganz einfach undemokratisch sind. Auf christliche Länder übertragen wäre es, als würde das Christentum für die ehemaligen Diktaturen beispielsweise in Portugal, Spanien oder Griechenland verantwortlich gemacht, um dann daraus zu schließen, dass das Christentum mit Menschenrechten und Demokratie unvereinbar sei.

Junge Menschen werden wegen ihres Bekenntnisses zum Islam häufig drangsaliert. In einigen Ländern dürfen Mädchen in der Schule das Kopftuch nicht mehr tragen.

Bemerkung

Während des Zweiten Weltkriegs wurden Zeugen Jehovas in Konzentrationslager verschleppt, weil sie sich weigerten, in der Deutschen Wehrmacht zu dienen.