Antisemitismus und Antiziganismus

In ganz Europa waren es Juden sowie Roma und Sinti, die aufgrund ihrer angeblichen „Minderwertigkeit“ und der daraus abgeleiteten negativen Stigmatisierung im Verlauf der Geschichte am meisten diskriminiert wurden. Beide Gruppen migrierten aufgrund von Verfolgungen, beide haben zu allen Zeiten unter den Mehrheiten in Europa gelitten und beide wurden als angeblich minderwertig sehr verachtet. Viele Angehörige beider Gruppen wurden von den Nazis im Zweiten Weltkrieg ermordet. Beide litten unter den kommunistischen Regimes in Europa und beide werden auch heute noch Opfer von Diskriminierung, Hass und Vorurteilen, obwohl ihre sozialen Realitäten sich sehr unterscheiden.

Was ist jüdischen Menschen in Ihrem Land im Zweiten Weltkrieg widerfahren?

Antisemitismus
Antisemitismus lässt sich definieren als „Feindseligkeit gegenüber Juden als religiöse Gruppe oder Minderheit, oft begleitet von sozialer, wirtschaftlicher und politischer Diskriminierung“[1] und ist in der europäischen Geschichte bis zum heutigen Tag weit verbreitet. Antisemit/innen haben Lügen über jüdische Verschwörungen verbreitet und damit die antisemitischen Einstellungen von nichtjüdischen Menschen genährt. Die infamste war die von den „Protokollen der Weisen von Zion“ (ein fingiertes verleumderisches Schriftstück, das zur Gewalt gegen Juden aufhetzt und in manchen europäischen Ländern noch immer zirkuliert).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fielen jüdische Gemeinschaften in Russland regelmäßig Pogromen zum Opfer (ein russisches Wort, das ,Verwüstung‘ bedeutet). Dies sind organisierte, systematische, diskriminierende Gewaltausbrüche gegen Juden durch die lokale Bevölkerung, häufig mit dem stillschweigenden Einverständnis oder unter aktiver Beteiligung der Polizei und ermuntert durch die antisemitische Politik der Regierung. Auch in anderen europäischen Ländern gab es häufig Angriffe auf jüdische Gemeinschaften, unter anderem in Frankreich und Österreich.

Der Aufstieg des Faschismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte weiteres Leid über viele Juden in Europa, da der Antisemitismus zur Ideologie der Herrschenden wurde. Faschistische Regimes und Parteien kollaborierten während des Holocaust außerdem direkt oder indirekt mit den deutschen Nazis.

Durch den Holocaust, der von Nazi-Deutschland und seinen Verbündeten während des Zweiten Weltkriegs verübt wurde und der auch unter der Bezeichnung Shoah bekannt ist (ein hebräisches Wort für ,Trostlosigkeit‘), wurden schätzungsweise 6 Millionen Juden und Jüdinnen systematisch vernichtet, aus dem einzigen Grund, weil sie jüdisch waren. Im Holocaust kulminierte die rassistische und antisemitische Politik, die für Hitlers Regierung kennzeichnend war. Die Barbarei begann mit der Reichspogromnacht (im NS-Vokabular: „Kristallnacht“) am 9. November 1938, einer gewaltigen Verfolgungsaktion im ganzen Reich.

In der Sowjetunion hörten die Pogrome mit dem Sieg der bolschewistischen Revolution auf, doch der Antisemitismus setzte sich in unterschiedlichen Formen fort, darunter Zwangsumsiedlungen, Enteignungen und Schauprozesse. Unter den kommunistischen Regimes wurde der Antisemitismus häufig als offizielle antizionistische Politik verbrämt.

Auch heute ist der Antisemitismus lebendig, auch wenn er oft im Verborgenen stattfindet. In der Überzeugung ihrer eigenen Überlegenheit schänden manche Gruppen jüdische Friedhöfe. Netzwerke von Neonazi-Gruppen, darunter oft auch Jugendliche, tun ihren Antisemitismus öffentlich kund, es gibt viele Websites im Internet und es kursieren jede Menge Bücher, in denen die Nazipropaganda verherrlicht wird.

Nach 36 Jahren gelang der NPD bei den Landtagswahlen in Sachsen 2004 mit mehr als 9% der Stimmen der Einzug in ein deutsches Landesparlament.*

Antiziganismus
Romavölker (ebenso wie Sinti fälschlich als Zigeuner bezeichnet) wurden von anderen Europäer/innen immer schon als „andersartig“ betrachtet. Lange Zeit waren sie Nomaden, die als Kesselflicker, Handwerker, Musiker und Händler von Ort zu Ort wanderten. Ihre ganze Geschichte hindurch hat es Versuche der Zwangsassimilation gegeben; die Sprache der Roma wurde in einigen Ländern verboten und ihre Kinder wurden den Eltern gewaltsam entrissen. In vielen Ländern waren Roma versklavt, zuletzt in Rumänien, wo ihre Sklaverei 1856 abgeschafft wurde. Die Roma hatten nie einen eigenen Staat und sie haben nie Krieg gegen andere Völker geführt. Das ganze 20. Jahrhundert hindurch wurden sie als Landstreicher betrachtet und in vielen Ländern wurden Gesetze verabschiedet, um sie zur Sesshaftigkeit zu zwingen.

Auch heute noch werden Romagemeinschaften direkt und indirekt diskriminiert und verfolgt und gelten in allen Ländern Europas als unerwünscht.

Wie groß ist die Romagemeinschaft in Ihrem Land?

Porajmos bezeichnet den Genozid durch die Nazis und ihre Verbündeten an den europäischen Roma und Sinti zwischen 1933 und 1945. Schätzungen über die Zahl der Opfer bewegen sich je nach Quelle zwischen 500000 und 2000000. Porajmos dezimierte die Roma in Europa um bis zu 70% gegenüber der Vorkriegsbevölkerung.

Die kommunistischen Regimes Osteuropas zerschlugen unter dem Motto „Emanzipation der Roma“ deren traditionellen Lebensstil. Mit der Ankunft des Kapitalismus zerfielen die Romafamilien noch weiter. Heute beträgt die Zahl der Roma in allen europäischen Staaten zusammengenommen schätzungsweise acht bis zwölf Millionen Menschen. Die Mehrheit lebt sesshaft, aber in einigen westlichen Ländern gibt es immer noch teilweise oder gänzlich nomadische Lebensweisen. Während die Roma in Spanien und Portugal ihre eigene Sprache so gut wie verloren haben (weil sie verboten war und unterdrückt wurde), ist Romanes in den meisten Romagemeinschaften anderer Länder immer noch ein einigender kultureller Faktor.

Antiziganismus, Diskriminierung und Feindseligkeit gegen Roma ist in ganz Europa weit verbreitet. Die Roma gehören zu den Ersten, die unter bewaffneten Konflikten leiden, wie in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien, wo die Misere der ins Kreuzfeuer geratenen Roma weitgehend ignoriert wurde. Andere Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: Romafamilien wurden de facto und gesetzwidrig ihres Rechts auf Eigentum beraubt, angeblich zur „Verbrechensbekämpfung“ (Portugal); Diskriminierung beim Zugang zu Bildung für Romakinder und zu Dienstleistungen der Gemeinden (in Großbritannien und Frankreich zum Beispiel für reisende Gemeinschaften), oder es wurden ganz einfach ihre anerkannten Rechte missachtet. In vielen Ländern wurden Roma zu Mordopfern gewalttätiger faschistischer und rassistischer Gruppen. Romakinder werden teilweise in Schulen für Lernbehinderte verwiesen. Romadörfer werden oft segregiert und isoliert.

Was finden Sie in Ihren Lokalnachrichten über Roma?

Viele Kinder der Roma wachsen in feindseliger sozialer Umgebung auf. Ihre einzige Unterstützung und Anerkennung finden sie in ihrer eigenen Gemeinschaft oder Familie. Viele Grundrechte werden ihnen verwehrt oder sind ihnen nur eingeschränkt zugänglich, etwa Bildung oder Gesundheit.

Langsam nehmen Sensibilität und Interesse für die Roma zu. Auf internationaler Ebene ist die Internationale Romani Union die am stärksten vertretene Roma-Organisation, sie hat Beraterstatus in verschiedenen Organen der Vereinten Nationen. Das Europäische Zentrum für die Rechte der Roma (European Roma Rights Center) in Budapest ist die wichtigste Menschenrechtsorganisation der Roma. Sie bemüht sich um die Sensibilisierung der Öffentlichkeit, das Monitoring und die Verteidigung der Menschenrechte der Roma.

 

Fussnote

  1. Webster’s Third New International Dictionary