Rassismus

Für Rassismus gibt es viele Definitionen. Eine Definition beschreibt Rassismus als bewussten oder unbewussten Glauben an die angeborene Überlegenheit einer Ethnie über eine andere. Diese Definition impliziert, dass erstens die angeblich „überlegene“ Ethnie das Recht hat, über diejenigen, die als „unterlegen“ gelten, Macht auszuüben und sie zu dominieren, und dass zweitens der Rassismus die Einstellungen und das Verhalten von Personen und Gruppen konditioniert. Allerdings besteht ein Problem insofern, als der Begriff ,Rassismus‘ von der Existenz verschiedener „Rassen“ ausgeht. In den letzten Jahren wurde jedoch erkannt, dass „Rasse“ in Wirklichkeit ein soziales Konstrukt ist und dass Menschen keinesfalls nach anderen Kategorien klassifiziert werden können als ihrem „Menschsein“. Somit gibt es zwar Rassismus, aber keine Rassen.

In Europa hat Rassismus eine lange Geschichte. In der Vergangenheit wurde die Existenz „überlegener“ und „minderwertiger“ Rassen mit biologischen Unterschieden begründet. Die Darwin’sche Evolutionstheorie wurde auf Menschen angewandt, um sie in „Rassen“ einzuteilen. Der Kolonialismus, die Unterwerfung und Ausbeutung anderer Völker durch europäische Nationen, wurde durch die weit verbreitete Akzeptanz des Sozialdarwinismus und anderer ähnlich rassistischer Theorien überhaupt erst ermöglicht. Die „Last des weißen Mannes“ implizierte die „Pflicht“ der europäischen Kolonialherren, andere Völker zu „zivilisieren“. Auch die Sklaverei, ebenfalls eine verbreitete Praxis europäischer Unternehmer und Regierungen bis ins 19. Jahrhundert hinein, basierte auf dem Glauben, Sklaven seien von „minderwertiger Rasse“.

Heutzutage betonen Rassist/innen eher kulturelle Unterschiede als biologische Minderwertigkeit. Der kulturelle Rassismus speist sich aus der Vorstellung, es gebe eine Hierarchie der Kulturen oder dass bestimmte Kulturen, Traditionen, Gebräuche und historische Entwicklungen inkompatibel seien. Die Ausgrenzung und Diskriminierung von Ausländer/innen und Minderheiten wird im Namen vorgeblich „inkompatibler Kulturen“, Religionen oder „Zivilisationen“ gerechtfertigt.

Macht, ihre Anwendung und ihr Missbrauch, ist mit Rassismus eng verknüpft. Rassismus wird von den Herrschenden definiert und gestaltet gleichzeitig Herrschaftsbeziehungen zwischen Tätern und Opfern. Die Opfer von Rassismus finden sich in einer machtlosen Position. Auch Voreingenommenheit bzw. die negative Beurteilung anderer Personen oder Gruppen (ohne maßgebliches Wissen über oder Erfahrung mit diesen Personen oder Gruppen) geht mit Rassimus einher. Rassismus kann somit verstanden werden als praktische Umsetzung von Vorurteilen in Handlungen oder Misshandlung anderer durch diejenigen, die im Besitz der Macht und demnach in einer Position sind, in der sie diese Handlungen ausführen können.

Rassismus gibt es auf verschiedenen Ebenen:

  • Auf persönlicher Ebene: Dies bezieht sich auf persönliche Einstellungen, Werte und Überzeugungen von der Überlegenheit der eigenen „Rasse“ und der Minderwertigkeit anderer „Rassen“.
  • Auf interpersonaler Ebene: Dies bezieht sich auf Verhaltensweisen gegenüber anderen, die die Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen „Rasse“ reflektieren.
  • Auf institutioneller Ebene: Dies bezieht sich auf etablierte Gesetze, Gebräuche, Traditionen und Praktiken, die systematisch zu „rasse“-bedingten Ungleichheiten und Diskriminierungen in einer Gesellschaft, in Organisationen oder Institutionen führen.
  • Auf kultureller Ebene: Dies bezieht sich auf die Werte und Normen des sozialen Verhaltens, die die eigenen kulturellen Gewohnheiten als Norm und Maßstab setzen und andere kulturelle Gewohnheiten als minderwertig darstellen.

Die verschiedenen Ebenen, auf denen sich Rassismus manifestiert, bedingen und verstärken sich gegenseitig. Rassismus manifestiert sich überdies in offenen und verdeckt subtilen Formen.

Die Folgen des Rassismus früher und heute sind verheerend, und zwar sowohl für die Opfer als auch für die Gesellschaften, in denen dieses Unrecht begangen wird. Rassismus war und ist nach wie vor die Ursache von Massenvernichtung, Völkermord und Unterdrückung [Bemerkung]. Er hat es ermöglicht, dass Mehrheiten den Überzeugungen winziger Minderheiten unterworfen wurden, die Reichtum und Macht fest im Griff hatten, wie z.B. im südafrikanischen Apartheid-System. Zwar gab es bei der Wiedergutmachung dieser Ungerechtigkeiten große Fortschritte, doch existieren auch heute noch mehr oder weniger versteckte Formen von Isolierung, Diskriminierung und Segregation. Wer als „anders“ oder „fremd“ wahrgenommen wird, sieht sich Beschränkungen der eigenen Freizügigkeit, unverblümter Aggression, Erniedrigung oder sozialer Ausgrenzung ausgesetzt.

Rassismus und Jugendgewalt
Rassistisch motivierte Jugendgewalt ist in den meisten europäischen Ländern eine traurige Realität. In vielen dokumentierten Fällen wurden Jugendliche und/oder Erwachsene wegen ihrer Nationalität, ihres Aussehens, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer Haare oder sogar wegen ihres Bartes angegriffen, zusammengeschlagen, bedroht und in Extremfällen ermordet [Bemerkung].

Rassistische Gewalt hat aber auch subtilere, diffusere Ausdrucksmittel. Dazu gehören zahlreiche Formen des Brandmarkens und der Vorverurteilung, der Segregation und Diskriminierung. Auch das Herausgreifen bei Polizeikontrollen und Überprüfungen, weil jemand anders aussieht – dunklere Haut oder dunklere Haare hat – ist eine Form von Unterdrückung.

Bemerkungen

Schätzungen zufolge wurden zwischen 1600 und 1850 in Nordamerika fast 12 Millionen Ureinwohner/innen (sog. Indianer) ausgerottet. In den 200 Jahren des internationalen Sklavenhandels sind zwischen 10 und 20 Millionen Schwarzafrikaner/innen umgekommen.

In Frankfurt (Oder) an der Grenze zwischen Polen und Deutschland bedroht und attackiert eine Gruppe junger deutscher Skinheads häufig ausländische Studierende und Arbeitnehmer/innen. Gegenüber auf der polnischen Seite liegt die Stadt Subice. Dort macht eine weitere Gruppe junger Neonazis Jagd auf Ausländer. Einmal, so wurde berichtet, hatten sie angefangen, einen Studenten zusammenzuschlagen. Als sie jedoch bemerkten, dass er Spanier war, entschuldigten sie sich bei ihm. Sie hatten gedacht, er sei Deutscher. [1]

 

Fussnote

  1. El País digital, 5. November 2000.